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Pionier Trail im
Valdivianischen -Regenwald
Pferdetrekking in die Einsamkeit der unerforschten Anden im Süden Chiles
von Roland H. Knauer
Ein Bandurria genannter Vogel aus der Familie der Ibisse kreischt, vor
uns rauscht der Rio Cochamo. Ansonsten ist es ruhig zwischen den
rustikalen Holzhäusern des kleinen Campo Aventura in der Seenregion im
Süden Chiles. Hinter uns ziehen sich Weiden den Berghang hinauf, weiter
oben undurchdringliche Wälder unter stahlblauem Himmel. "Warum sollen
wir aus dieser Idylle aufbrechen?", fragen wir uns, als Clark Stede die
Pferde bringt. Der Deutsche führt von der Gemeinde Cochamo im Süden
Chiles aus kleine Touristengruppen in die Wildnis der Anden.
"Eigentlich ist es hier doch wunderschön", versuchen wir Clark zum
Bleiben zu bewegen, während wir verstohlen die Pferde mustern. Sie sind
der eigentliche Grund unseres Zögerns, wir sind noch nie auf einem Pferd
gesessen. "Kommt schon," lacht der grauhaarige 48-Jährige, "hinten in La
Junta ist es viel schöner als hier. Und in fünf Stunden sind wir dort."
Na gut, unter sachkundiger Anleitung schwingen wir uns erstmals in den
Sattel. Es geht leichter als gedacht. "Achtzig Prozent unserer Besucher
saßen noch nie auf einem Pferd", meint Clark lächelnd. Bisher hat noch
niemand ernsthafte Probleme gehabt.
Tatsächlich laufen die Pferde eher gemütlich auf dem kleinen Fahrweg
vorbei an winzigen Blockhäusern durch das Tal des Rio Cochamo. Wir haben
nicht die geringsten Probleme, uns im Sattel zu halten. Nur zu viel
Abstand zum Vorderpferd darf ich nicht halten, sonst trabt mein Bravo
los und dann wird's ungemütlich. In aller Ruhe betrachte ich mir die
Welt erstmals vom Rücken eines Pferdes. Verschneite Felsgipfel recken
sich über undurchdringliche Wälder dem intensiv-blauen Himmel entgegen.
Feuerrot blühen Floresino-Bäume auf den Weiden im Flußtal.
Als wir einen Bach überqueren, bleibt mein Bravo abrupt stehen, es ist
Zeit, einen kräftigen Schluck Wasser durch die Pferdekehle rinnen zu
lassen. Längst hat sich der Fahrweg zu einem Reitpfad verengt, Wälder
nehmen die Stelle der saftig-grünen Weiden ein. Ein Ast streift meinen
Kopf, Zweige peitschen ins Gesicht. Absteigen kommandiert Clark
plötzlich, hier wird der Weg für Pferde mit Reitern zu gefährlich. Tiefe
Löcher haben die Hufe in den Schlamm gegraben, große Steine rollen bei
jedem Pferdeschritt nach hinten weg. Vorsichtig führe ich Bravo durch
die kritische Passage, bald soll ich wieder aufsteigen. Kaum ein
Sonnenstrahl dringt durch die Baumkronen bis zu uns auf dem dämmrigen
Waldboden herunter.
Mitten im Urwald machen wir Rast. Und bewundern diesen herrlichen
Valdivia-Regenwald, wie Biologen ihn nennen. Mächtige, moosüberwucherte
Stämme ragen wie die Säulen einer romanischen Kathedrale zum Kronendach
hinauf. Epiphyten genannte Luftwurzler lassen ihre langen, an Agaven
erinnernden Blätter von den Ästen hängen, auf denen sie siedeln.
Armdicke Lianen winden sich fünfhundert Jahre alte Baumstämme hinauf.
Flechten hängen wie die Bärte von Gestalten aus längst vergangenen Sagen
von den Ästen. Während wir diesen Märchenwald mit vier Sinnen auf uns
wirken lassen, ist der Geschmackssinn mit den Sandwiches beschäftigt,
die wir hinunterschlingen. Reiten macht hungrig.
Weiter geht's. Schlamm schmatzt unter den Hufen der Pferde, steil führt
der Pfad bergauf. Stellenweise graben sich die Hufe so tief ein, daß ein
regelrechter Hohlweg entsteht. Gerade so breit, daß die Knie nicht
anstoßen, sind diese Mini-Schluchten bis zu vier Metern tief. Dumpfe,
feuchte Luft füllt meine Lungen in solchen Hohlwegen, Moos überwuchert
die klammen Seitenwände, der Wald verschwindet im Dämmerlicht irgendwo
weit über mir. Kaum trägt mich Bravo aus einem solchen Hohlweg heraus,
führt der Pfad direkt an eine Abbruchkante. Tief unten rauscht der Rio
Cochamo. Bravo aber wendet keinen Blick zum Fluß, stoisch setzt er einen
Huf vor den anderen und trägt mich sicher über die heikelsten Passagen.
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Bald lichtet sich der Wald, wir sind wieder auf Weideland. Nach wenigen
Minuten reiten wir an einer Furt durch den Rio Cochamo, fast erreicht
das Wasser unsere Füße. Zwei Blockhäuser tauchen vor uns auf, aus einem
kommt ein Gaucho und versorgt unsere Pferde. Seine Frau kocht in der
Hütte daneben unser Abendessen. Es schmeckt herrlich, nach diesem langen
Ritt. Und schlafen tun wir wie die Murmeltiere.
Strahlender Sonnenschein weckt uns am nächsten Morgen. Ein Ruhetag ist
angesagt. Also ziehe ich auf eigene Faust los. In der milden Morgensonne
verstehe ich endlich, was Clark mir gestern Abend noch gesagt hat.
Yosemite-Tal Chiles wird die Gegend um die Estancia La Junta auch
genannt. Es stimmt. Mächtige Granit-Dome steigen abrupt aus sanften,
saftig-grünen Weiden in den blauen Morgenhimmel. Schnee glitzert auf den
Gipfeln. Drüben, am anderen Flußufer gibt es einen herrlichen Wasserfall,
hat Clark mir noch mit auf den Weg gegeben. Also laufe ich zur Furt,
ziehe Wanderstiefel und Hosen aus und durchwate den Fluß. Das gelingt
problemlos, allerdings ist das Wasser tiefer als vermutet, reicht bis zu
den Hüften. So ziehe ich halt meine trockene Hose über die triefende
Unterhose, die tropfenden Hemdzipfeln lasse ich über dem Gürtel baumeln.
Den Wasserfall finde ich problemlos, muß dort aber erst einmal länger
Pause machen. Das schäumende Wasser, das in sanften Kurven über
spiegelglatt poliertem Granit in das kristallgrüne Wasser einer kleinen
Lagune mitten im Urwald schießt, bildet ein zu atemberaubendes Bild, um
gleich wieder weiter zu wandern. Wohl eine Viertelstunde sitze ich in
völliger Einsamkeit auf einem Stein und sauge dieses Panorama in mich
auf. In Deutschland würde ein solches Bild millionenfach auf Postkarten
verkauft. In Chile kennt fast niemand diese Idylle.
Auf dem Rückweg überquere ich den Fluß ein Stückchen weiter oben, will
den Weg zur Hütte abkürzen, weil ich noch einen Lehrpfad laufen will,
den Clark im Regenwald markiert hat. Diesmal ziehe ich mich
splitterfasernackt aus, zuschauen kann in der Einsamkeit der Berge ja
kaum jemand. Schuhpendel zusammenschnüren und die Schuhe um den Hals
hängen, darüber die Hose. Hemd und Socken in die Kameratasche und los
geht's. Auf glitschigen Steinen balanciere ich durchs Wasser. Erneut
habe ich mich in der Tiefe getäuscht, brusttief stehe ich in der Mitte
im Wasser, fast reißt mich die Strömung von den Beinen. Eiskalt ist das
Wasser obendrein. Zähne zusammenbeißen, Kameratasche hochhalten und
Schritt für Schritt weiter laufen. Mit einiger Mühe erreiche ich das
andere Ufer.
Die trockenen Klamotten über den nassen Körper und weiter geht's über
Weiden und durch dichten Wald zur Hütte. Von dort auf den Lehrpfad.
Wieder tauche ich in das Dämmerlicht des Valdivia-Regenwaldes ein. Moos-überzogene
Baumstämme tragen das dichte Kronendach. Vier Meter hoher Bambus,
Riesenfarne und alle möglichen anderen Gewächse verfilzen zu einem
dichten Unterholz. Epiphyten hängen ihre Lanzen-artigen Blätter von den
Ästen. Mitten im Wald plötzlich ein gigantischer Baumstumpf. Nein, es
ist ein lebender Nadelbaum, eine Alerce, die nur hier in Chile wächst.
Ihre rissige Rinde sieht fast wie Totholz aus. In zehn Jahren legt eine
solche Alerce gerade mal einen Zentimeter an Durchmesser zu. Mehr als
fünf Meter Durchmesser hat dieser Riese, er könnte mit seinen mindestens
viertausend Jahren das älteste Lebewesen auf der Erde sein.
Unwillkürlich halte ich den Atem an, solche Methusalem sind auch in
Chile außergewöhnlich. Fast verblassen die beiden hohen Wasserfälle über
Granitfelsen dagegen, die ich ein paar Minuten später erreiche. Wieder
sitze ich lange auf einem Baumstamm, sauge die Atmosphäre dieser
Wunderwelt in mir auf. Clark hat recht gehabt. Hier, in der Einsamkeit
der Anden im Süden Chiles ist es wirklich viel schöner als im Campo
Aventura. Und ich habe überhaupt keine Lust, morgen schon wieder zurück
zu reiten.
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Nach Jahren des unsteten Umherziehens als Fotojournalist hat sich der
gebürtige Berliner und gelernte Augsburger Clark Stede inzwischen in der
Gemeinde Cochamo im Süden Chiles seßhaft gemacht und führt kleine
Touristengruppen in die Wildnis der Anden. Sein kleines Unternehmen
stellt mit vier Angestellten und zwei deutschen Praktikanten einen
wichtigen Wirtschaftsfaktor in der abgelegenen chilenischen Provinz
Cochamo dar. Eine Fläche von siebentausend Quadratkilometer, also
dreimal das Saarland, wird von einer einzigen, 46 Kilometer langen
Schotterstraße erschlossen. Von den 4800 Menschen der Provinz leben
achthundert weit verstreut in den Anden. Sie erreichen nur in
mehrtägigen Ritten durch den noch intakten Regenwald die Schotterstraße
und damit die moderne Zivililsation. Einzig wenn der Hubschrauber ihre
Kinder nach den großen Ferien Anfang März ins Internat fliegt, dringt
die Technik kurzzeitig in ihre abgelegenen Täler ein. Elektrizität oder
Fernsehen sind Fremdwörter, ein Kofferradio stellt die Verbindung zum
Rest der Welt her. Mittags um zwölf bringt der Lokalsender persönliche
Nachrichten für die Menschen in der Cordillera, wie die Anden hier
genannt werden: "Martha, gestern war ich unter dem Alerce-Baum am Rio
Blanco und wollte Deine Kuh kaufen. Aber Du warst nicht da. Ich probier's
am Freitag noch einmal. Pepe."
Mitteleuropäische Normen zählen unter solchen Verhältnissen wenig. Die
rund vierhundert Touristen, die jedes Jahr in Gruppen zu höchstens sechs
Personen mit Clark Stede durch die kühlen Regenwälder mit ihren langen
Bärten aus fahlgrünen Flechten und den moosüberwucherten Stämmen der
Urwaldriesen reiten, stellen einen wichtigen Pfeiler für die Wirtschaft
der Region dar. Auch wenn der Deutsche im Jahr "nur" für
sechshunderttausend Pesos auf drei Estancias im Dorf Cochamo einkauft,
bedeuten diese knapp 2500 Mark doch eine fünfzigprozentige Erhöhung des
Einkommens auf jeder der drei Farmen. Obendrein nutzen die Farmer das
Zusatzeinkommen für eine Investition in die Zukunft - sie schicken ihre
Kinder auf bessere Schulen. Gleichzeitig steigt das Steueraufkommen für
die Gemeinde, die sich so erstmals eine kommunale Müllabfuhr bestehend
aus rostigen Ölfässern, einen Ochsenkarren mit Vollholzrädern und einem
Angestellen leisten kann.
Auch auf den abgelegenen Farmen im Tal des Cochamo-Flusses, die oft
einen Tagesritt und weiter von ihrem nächsten Nachbarn entfernt sind,
löst das Kleinunternehmen von Clark Stede indirekt ein kleines
Wirtschaftswunder aus. Der Deutsche hat nämlich einen alten
Wirtschaftsweg wiederentdeckt, auf dem zu Anfang des Jahrhunderts
mancher Argentinier seine Rinder zur chilenischen Küste getrieben hat,
um sie dort zu verkaufen. Selbst Butch Cassidy und Sundance Kid nutzten
zwischen 1900 und 1905 diesen Gaucho-Trail. Auf ihm reiten inzwischen
nicht nur Clark Stede und seine Gäste, zunehmend wandern auch Touristen
von der argentinischen Grenze am Passo Leone durch das Tal des Rio
Cochamo bis zum Dorf gleichen Namens. 280 Grenzübertritte haben die
Grenzbeamten in der Saison 1997/98 gezählt. Die Wanderer schlagen ihre
Zelte auf den Weiden der Farmen auf, kaufen Lebensmittel auf den
Estancias oder bestellen gleich Halbpension bei den Farmern. Da kommen
die wenigen Estancias leicht auf fünfzig Gäste im Jahr, die zusammen
umgerechnet achthundert Mark auf einer Estancia lassen und damit das
Einkommen von sonst 1500 bis allenfalls dreitausend Mark deutlich
erhöhen.
Kein Wunder, wenn die Gemeinde Cochamo angesichts dieses
Wirtschaftsbooms durch sanften Tourismus einen 120 Kilometer langen
Wanderweg durch ein anderes Flußtal plant. Auch dort sind abgesehen von
wenigen Farmen die Wälder mit ihrem meterhohem Unterholz aus Bambus oder
Farnen, mit den Flechten, Luftwurzlern und Moosen, mit Kolibris und
Pumas noch praktisch unberührt. Gerade 1,5 Prozent der gesamten Provinz
Cochamo werden landwirtschaftlich genutzt, der Rest ist noch Natur.
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In 17 Stunden fliegt ab Frankfurt zum Beispiel die Lufthansa ab 1800
Mark direkt nach Chile. In der Hauptstadt Santiago wechselt man zur
nationalen Fluglinie LanChile oder Ladeco, die in eineinhalb Stunden
nach Puerto Montt fliegt. Hier ist man bereits am Südende des
Seengebietes, als dessen Hauptort für den Tourismus sich Puerto Varas
entpuppt. Eineinhalb Stunden weiter liegt neben der Ortschaft Cochamo
das Campo Aventura von Clark Stede. Von hier reitet der Augsburger zu
seinen Ein-, Vier- und 14-Tage-Touren mit maximal acht Touristen los.
Gebucht werden kann zum Beispiel über Karawane-Reisen in Ludwigsburg (Tel.:
07141-284850, Fax: 07141-284855, Schorndorfer Str. 149, 71638
Ludwigsburg) zum Preis von 1300 DM für die Viertages-Tour und von ca.4500
DM für die 14-Tage-Expedition auf dem legendären Gaucho Trail mitten
durch die Wildnis der Anden, auf der im Zelt übernachtet wird und bei
der die Gäste selbst kräftig mit anpacken müssen. Für diese Tour sollte
man Reitpraxis und eine gehörige Portion Abenteuerlust mitbringen, da
zum Beispiel Flüsse durchquert werden und man in dem Abseits der
Zivilisation unterwegs ist. Natürlich organisiert die Firma Campo
Aventura auch "tailor-made" Touren, maßgeschneiderte Exkursionen je nach
dem Wünschen der Kunden. Zwei erfahrene Experten im Campo Aventura
stehen ihnen in Chile mit Rat und Tat zur Hilfe; Manuela Paradeiser, die
Wienerin die über 12 000 Reitstunden hinter sich hat und Clark Stede,
der zuerst als erster Mensch ganz Amerika umsegelte und jetzt seit sechs
Jahren Menschen in die Wildnis der Anden "verführt".
Campo Aventura Office,
San Bernardo 318, Puerto Varas, Chile
Tel./Fax. +56 - 65 - 23 29 10
e-mail:
outsider@telsur.cl
Internet: http://www.campo-aventura.cl
Da die Jahreszeiten in Chile den deutschen Verhältnissen genau
entgegengesetzt sind, empfiehlt sich ein Besuch in der Region zwischen
dem späten Frühjahr und dem Herbst, also zwischen Oktober und April.
Fotografen sollten daran denken, daß es im Regenwald sehr düster ist und
ausreichend empfindliche Filme mit 400 ASA mitnehmen.
RHK
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